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HALLUZINATIONEN

Sinnestäuschung, Trugwahrnehmungen

Halluzinationen, Sinnestäuschungen oder Trugwahrnehmungen gehören zu den spektakulärsten seelischen Symptomen. Dabei gilt es zahlreiche Formen zu unterscheiden, je nach krankhaftem Sehen, Hören, Schmecken, Riechen und Fühlen. Halluzinationen sind aber nicht nur bei schizophrenen Psychosen möglich, sondern auch bei einer Reihe weiterer seelischer und sogar körperlicher Erkrankungen. Nachfolgend deshalb eine komprimierte Übersicht zu diesem für die Betroffenen und ihr Umfeld überaus belastenden Phänomen.

Halluzinationen, auch Sinnestäuschungen oder Trugwahrnehmungen genannt, gehören zu den Wahrnehmungsstörungen.

Allerdings handelt es sich weniger um eine gestörte Wahrnehmung, mehr um eigenständige krankhafte Phänomene von wahrnehmungsähnlichem Charakter. Sie betreffen auch nicht nur den Wahrnehmungsbereich (Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen, Riechen), sondern die gesamte Persönlichkeit und bilden deshalb im Grunde eine eigene Gruppe psychopathologischer (seelisch krankhafter) Erscheinungen.

Erklärte Begriffe

Akustische Halluzinationen: Gehörs-Halluzinationen, Gehörstäuschungen, Akoasmen, Phoneme, Stimmenhören

Optische Halluzinationen: Gesichts-Halluzinationen, Photome, VisionenOlfaktorische Halluzinationen: Geruchs-Halluzinationen

Gustatorische Halluzinationen: Geschmacks-Halluzinationen

Taktile Halluzinationen: haptische, Tast- oder Berührungs-Halluzinationen, körperliche Wahrnehmungsstörungen, thermische Halluzinationen, hygrische Halluzinationen, taktile Trugwahrnehmungen des Tastsinns, haptische Trugwahrnehmungen an der Körperoberfläche, chronische taktile Halluzinose, Dermatozoenwahn, Enterozoenwahn

Vestibuläre Halluzinationen: kinästhetische Halluzinationen, Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes

Leibhalluzinationen: leibliche Wahrnehmungstäuschungen, zoenästhetische Halluzinationen

Halluzinations-ähnliche Phänomene: physiologische Halluzinationen, hypnopompe Halluzinationen, hypnagoge Halluzinationen, Pseudo-Halluzinationen, illusionäre Verkennungen, Pareidolien, eidetische Bilder, Wahnwahrnehmungen u.a.m.

Halluzinationen sind möglich auf allen Sinnesgebieten, auch auf mehreren gleichzeitig (kombinierte Halluzinationen). Dabei sind erst einmal unterschiedliche Ausprägungsgrade zu beachten:

Ausprägungsgrade der Halluzinationen

1. Wahrnehmungscharakter: breites Spektrum zwischen eindeutigem Sinneserlebnis und vorstellungsnaher Erfahrung. So können z.B. akustische Halluzinationen oder Gehörs-Halluzinationen (siehe später) ein eindeutiges Hören sein, aber auch ein "Vernehmen", ein "Spüren von Stimmen im Leib", selbst ein "Wissen um die Stimmen".

2. Intensität: sinnenhafte Deutlichkeit zwischen massiv-leibhaftigem Sich-Aufdrängen und blassem In-Erscheinung-Treten.

3. Klarheit und Prägnanz: zwischen klar umrissenen und strukturierten Gestalten und schemenhaft zerfließend (wie Wolken, Nebel, Rauch).

4. Gegenstandsbewusstsein: zwischen "leibhaftig" und "verschwindend".

5. Realitätsurteil: zwischen "wirklich vorhanden" über "zweifelhaft" bis "unwirklich" (Übergang zu sogenannten Pseudo-Halluzinationen - siehe später).

6. Räumliche Bestimmung: Optische (Seh-) und Berührungs-Halluzinationen werden meist als "von außerhalb des eigenen Körpers" erfahren. Doch müssen sich Halluzinationen keinesfalls an das Sinnesfeld halten. So kann auch etwas außerhalb des Gesichtsfeldes gesehen werden. Bei den akustischen Halluzinationen oder Gehörs-Halluzinationen ist die räumliche Bestimmung ohnehin viel schwerer, oft wechselnd.

7. Übergang von Wahrnehmung zu Halluzination: Echte Geräuschwahrnehmungen (z.B. Vogelstimmen) werden auf dem Weg nach "innen" z.B. zu Stimmen, die Anweisungen geben.

Einteilung der Halluzinationen

Halluzinationen können eingeteilt werden

1. nach ihrer Komplexität: einfache, elementare Halluzinationen wie Geräusche, Blitze, Lichter oder komplexe bzw. szenische Bilder, Theater- oder Musikstücke

2. nach dem jeweiligen Sinnesgebiet: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Fühlen. Das ist die geläufigste Einteilung. Im Einzelnen:

· Akustische Halluzinationen (Gehörshalluzinationen)

Akustische oder Gehörshalluzinationen, auch Gehörstäuschungen genannt, unterteilt man in

- Phoneme: Laute, Worte, Sätze, Geflüster und Stimmen

- Akoasmen: ungestaltete akustische Wahrnehmungen wie Lärm und Geräusche

- Akustische Halluzinationen im Sinne der Phoneme (siehe oben) können laut/leise, deutlich/undeutlich oder gar verwaschen, nah/fern, außerhalb/innerhalb des eigenen Körpers, verständlich/unverständlich, eine/mehrere Stimmen, bekannt/unbekannt, männlich/weiblich, Erwachsenen-/Kinder-stimmen usw. sein. Sie können aus der Umgebung, der Wand, dem Nachbarhaus, einer Antenne oder aus dem eigenen Leib, dem Ohr, dem Magen, dem Blut, dem Kopf oder Gehirn usw. kommen.

Möglich sind direkte Ansprache bzw. Bemerkungen, die das Tun, die Gedanken oder Gefühle des Betroffenen begleiten; oder Aufträge, Befehle, Rede und Gegenrede, Diskussionen über und mit ihm. Meist dominieren Stimmen einer oder mehrere Personen bis zum Chor.

Gewöhnlich sind es nur einzelne Worte oder kurze Sätze, manchmal Sekunden oder Minuten, selten länger, kaum andauernd. Oft handelt es sich um Stimmen, die den Kranken beim Namen rufen, kritisieren, beschimpfen, bedrohen, warnen, aber auch ermuntern, loben, ja sogar Witze erzählen, in der Regel sich einfach über den Betroffenen unterhalten (dialogische Halluzinationen) bzw. sein Tun oder Lassen kommentieren (kommentierende Halluzinationen).

Oder sie können ihm auch einmal Befehle erteilen (imperative Stimmen oder Halluzinationen). Solche Befehle werden mitunter ausgeführt und sind dann Anlass zu unverständlichen Handlungen, in seltenen Fällen sogar Gewalttaten.

Auf jeden Fall sprechen die Stimmen gern über gefühlsbetonte, intime und meist unangenehme Angelegenheiten, mitunter aber auch völlig gleichgültige Dinge.

In den jeweiligen Gedankengang passen sie meist nicht hinein, sondern unterbrechen und stören ihn, als ob sich eine wirkliche Person in das Gespräch einmischt. Je nach Inhalt werden diese Halluzinationen als unterhaltender Zeitvertreib empfunden, wobei man dann manche Kranke auch einmal in sich hineinlachen sieht. Oder sie sind lästig bis quälend, was zu Resignation, Bedrücktheit, Miss-Stimmung, ggf. auch einmal zum Zurückschimpfen, ja zum Schreien oder Toben führen kann. Auch regelrechte Schimpftiraden sind oft nur eine Antwort auf solche halluzinatorischen Beleidigungen, Kränkungen oder Verunglimpfungen.

Manche Kranke führen auch lange "Unterhaltungen" mit Nicht-Anwesenden, mit Verstorbenen, politischen oder kulturellen Persönlichkeiten, mit Gott und der Welt. Gelegentlich werden "Anrufe" auch nur aus Umgebungsgeräuschen herausgehört.

Zumeist stumpfen die Patienten langsam ab und werden gleichgültig, was ihre Stimmen anbelangt. Manchmal aber werden sie auch zum Ausgangspunkt wahnhafter Deutungen (Erklärungswahn). Dann ziehen die Betroffenen einen Rückschluss auf "böse" Angehörige, Nachbarn, "Verfolger", auf Rundfunk, Fernsehen, den "6. Sinn", "Telepathie", magische oder okkulte Kräfte, göttliche Offenbarungen usw.

Dann kann es für diejenigen, die hier - ohne ihr Wissen - in diese krankhaften Abläufe einbezogen worden sind, auch einmal Probleme geben. Auf jeden Fall ist ihnen völlig unklar, weshalb sich der vielleicht noch nicht als krank Erkannte plötzlich so sonderbar verhält.

- Akustische Halluzinationen im Sinne der Akoasmen (etwas seltener) sind ungestaltete Halluzinationen wie Rauschen, Summen, Pfeifen, Klopfen, Knallen, Klirren, Schießen, Trommeln, Sausen, Zischen, Bellen, Heulen, Wiehern, aber auch konkrete Gehörstäuschungen wie Orgeltöne, Glockengeläut, Wasserplätschern usw.

Wo kommen akustische Halluzinationen vor?

Akustische oder Gehörs-Halluzinationen finden sich zumeist bei schizophrenen Psychosen (siehe das ausführliche Kapitel über die Schizophrenien). Aber auch (endogen) Depressive können Vorwürfe, Drohungen und Beschimpfungen zu hören bekommen (siehe die Kapitel über Depressionen). Betroffen sind auch Menschen mit organischen Psychosen (Geisteskrankheiten aufgrund körperlicher Störungen), z.B. bei einem Delirium tremens durch Alkoholismus (Stimmen, Musik, Straßenlärm) oder durch bestimmte Giftstoffe, Arzneimittel usw.

Sind alle akustischen Halluzinationen krankhaft?

Das Stimmenhören muss allerdings nicht grundsätzlich krankhaft sein, auch wenn dies in der Psychiatrie bisher zumeist so verstanden wurde. Offenbar hören viel mehr Menschen (2 bis 5%?) Stimmen, die unter keiner Diagnose zu fassen sind und die auch keine psychiatrische (insbesondere medikamentöse) oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Nicht wenige davon haben entsprechende Fähigkeiten entwickelt, mit ihren Stimmen zu leben, sie zu beeinflussen und sogar von ihnen zu lernen. Inzwischen wird auch in der Psychiatrie immer häufiger über das Phänomen des "nicht-krankhaften Stimmenhörens" diskutiert.

Die Wissenschaftler, die das Stimmenhören als nicht ausschließlich krankhaft abgetan sehen wollen, führen dabei auch historische Beispiele an: Hildegard von Bingen, Jeanne d´Arc, Franz von Assisi, Gotthold Ephraim Lessing, Rainer Maria Rilke usw. Wenn auch die Pathographien (Stichwort: Genie, Irrsinn und Ruhm) in ihren Wertungen zum Teil weit auseinandergehen, wird doch zweierlei klar: Zum einen mehren sich die wissenschaftlichen Meinungen, die manches Stimmen-Hören in eine Reihe mit außergewöhnlichen Wahrnehmungsformen stellen (z.B. Nah-Tod-Erfahrungen, Klarträume usw.). Zum anderen gibt es auch lebensnahe Beispiele, die das "normale Stimmen-Phänomen" leichter akzeptieren lassen (Beispiele: Ein Witwer "hört" die Stimme seiner verstorbenen Ehefrau; ein einsamer Wanderer erfährt in einer Extremsituation "höheren Zuspruch" usw.).

Die meisten Ärzte, insbesondere aber die Psychiater und Nervenärzte sind jedoch nach wie vor der Meinung, dass man das Stimmen-Hören nicht einfach als "normal" auf sich beruhen lassen, sondern einen Facharzt hinzuziehen sollte. In der Mehrzahl der Fälle ist und bleibt nämlich erst einmal der Verdacht einer krankhaften seelischen Entwicklung auszuräumen. Und das ist Aufgabe des Arztes.

Abzugrenzen sind akustische Halluzinationen jedoch vor allem von Ohrgeräuschen (Tinnitus). Manche Tinnitus-Patienten sind - besonders am Anfang ihres zermürbenden Leidens mit Rauschen, Sausen, Klingen u.a. - völlig verunsichert, ob es sich um konkrete oder undefinierbare Außengeräusche oder ihre Ohrgeräusche handelt. Einige reden darüber, informieren sich, einige aber sind erst einmal ratlos, verlegen, verängstigt und niedergeschlagen und wirken deshalb bisweilen auch "unverständlich" oder "komisch" ("der wird doch nicht etwa absonderlich werden"). Deshalb umgehend einen HNO-Arzt hinzuziehen.

Einzelheiten siehe die speziellen Kapitel Gehörsstörungen und Tinnitus (Ohrgeräusche).

· Optische Halluzinationen oder Gesichts-Halluzinationen

Optische Halluzinationen, auch Gesichts-Halluzinationen genannt, äußern sich z.B. in konturlosen optischen Erlebnissen in Form von Lichtern, Farben, Blitzen u.ä. Oder auch als mehr oder weniger deutliche Gestalten, Figuren, Szenen, statisch oder bewegt, farbig oder schwarz-weiß. Im Einzelnen mit entsprechenden Fachbegriffen:

- Photome: Blitze, Funken, Flecken, geometrische Figuren oder ein undifferenzierter Licht- oder Farbenschein. Manchmal auch mehr oder weniger deutliche Gestalten sowie farbige oder schwarz-weiße Szenen, bewegt oder unbewegt, bis hin zu schnellen wechselhaften Abläufen.

- Visionen: szenisch ausgestaltete optische Halluzinationen, z.B. als farbenprächtige, leuchtende und detaillierte Bilder, Szenen und Gestalten, häufig religiös-mythologischen Charakters oder allegorische (sinnbildliche, gleichnishafte) Darstellungen. Entweder szenisch verändert oder unbewegt. In krankhafter Hinsicht eher selten, im Bereich des "Normalen" auch im Rahmen religiöser Ekstase, während der Meditation usw. möglich.

- Schnell wechselnde szenenhafte Abläufe, meist mit kleinen beweglichen Objekten wie Käfer, Würmer, Spinnen, Mäuse, sonstiges "Ungeziefer".

Wo kommen optische Halluzinationen vor?

Optische oder Gesichts-Halluzinationen gibt es vor allem bei der schizophrenen Psychose, allerdings seltener als vermutet. Am ehesten die szenisch ausgestalteten Visionen in religiöser Ekstase. Photome, also Blitze, Flecken, Licht- oder Farbenschein usw. finden sich vor allem bei Erkrankungen des Auges, der Sehbahnen und der Hinterhauptslappen des Gehirns. So haben Epileptiker gelegentlich optische Halluzinationen, mitunter visionär-szenisch ausgestaltet. Endogen Depressiven mit Versündigungs- und Verdammungsgefühlen können bisweilen flüchtige Teufelsfratzen oder Schattenfiguren von Skeletten (Tod) erscheinen. Kleinere bewegte Gegenstände oder Tiere bedrohen vor allem den deliranten Alkoholkranken (bisweilen auch den Kokainisten: "Kokain-Tierchen" unter der Haut). Gelegentlich auch bei halluzinatorischen Verwirrtheitszuständen durch andere organische Psychosen (Geisteskrankheiten mit körperlich fassbaren Ursachen).

Insgesamt gesehen sind optische Halluzinationen weitaus weniger spektakulär, wie man sich dies in der Allgemeinheit vorstellt. Das, was vor allem bei schizophrener Erkrankung als schockierend empfunden wird, sind Leibhalluzinationen oder leibliche Wahrnehmungstäuschungen. Einzelheiten dazu siehe die Begriffe zoenästhetische Halluzinationen, Leib-Halluzinationen oder leibliche Wahrnehmungsstörungen in diesem Kapitel.

· Olfaktorische (Geruchs-) und gustatorische (Geschmacks-) Halluzinationen

Auch die olfaktorischen und gustatorischen, also Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen gehören zu den spektakuläreren Trugwahrnehmungen, über die man sich in der Allgemeinheit seine eigenen Vorstellungen macht. Tatsächlich können sie auch überaus unangenehm bis quälend werden und damit Reaktionen auslösen, die dem ahnungslosen Umfeld überaus sonderbar vorkommen müssen. Im Einzelnen:

- Olfaktorische Halluzinationen oder Sinnestäuschungen des Geruchs haben meist unangenehmen Charakter: Die Betroffenen riechen Benzin, Schwefel, Teer, Rauch, Gas, Verbranntes oder einfach undefinierbar Gift, Aas, Fäulnis, Verwesung, Leichengeruch usw. Meist ist der Geruch ätzend, ekelhaft, stinkend. Er belästigt entweder unlokalisierbar und diffus oder kommt aus bestimmten Richtungen bzw. Objekten, also aus Löchern, Ritzen, Töpfen, Geräten sowie Herd, Schreib- oder Waschmaschine usw.

- Für gustatorische oder Geschmacks-Halluzinationen gilt ähnliches, zumal sie oft erlebnismäßig mit den Geruchs-Halluzinationen zusammen auftreten. Auch sie sind meist unangenehmer Art wie bitter, salzig, übersüßt, sauer, gallig, fäkalisch, schwefelig, schmecken nach Seife oder Reinigungsmitteln, nach Formalin, Formaldehyd und ähnlichem, gelegentlich auch nach Petroleum, Kloake, Klärbecken usw. Nicht selten auch nach aktuellen bzw. gerade medien-wirksamen Gewerbegiften, ob geruchlich wahrnehmbar oder nicht.

Das alles ist auf Dauer eine gewaltige Belastung und bleibt nicht ohne Reaktion der Betroffenen: Nahrungsverweigerung aufgrund von Vergiftungsideen, im Extremfall sogar verbale und körperliche Angriffe, ferner Anzeigen und Racheakte auf/gegen vermeintliche Schädiger, Peiniger, Hintermänner u.a.

Wo können Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen vorkommen?

Geruchs- und Geschmacks-Halluzinationen treten meist zusammen auf, nicht selten in Verbindung mit anderen Sinnestäuschungen. Möglich bei Tumoren in bestimmten Hirnregionen, gelegentlich auch während der Aura (Vorstadium) von epileptischen Anfällen. Wahnkranke mit Verfolgungs- und Vergiftungsängsten können Gift riechen oder schmecken. Hier findet sich dann auch häufig das "hypnotische Gemachtwerden" von unangenehmen Gerüchen durch "andere", d.h. man fühlt sich durch seine Umgebung belästigt, gefährdet oder gar verfolgt (z.B. "Giftgas-Angriffe").

Depressive mit darniederliegendem Lebenswillen und der Angst zu "verrotten" findet man bei systematischen Nachfragen mitunter von Leichen- oder Fäulnisgeruch gepeinigt, oft verbunden mit dem depressiven Wahngedanken, damit auch andere anzustecken.

· Taktile (haptische, Tast- oder Berührungs-)Halluzinationen

Die taktilen, haptischen, Tast- oder Berührungshalluzinationen, auch körperliche Wahrnehmungsstörungen genannt, beziehen sich auf Hautempfindungen. Häufig sind sie von allgemeinen Leibhalluzinationen (siehe später) nicht zu trennen. Auf jeden Fall sind sie lästig bis quälend und können außerdem kaum adäquat geschildert werden, so verwirrend treten sie auf.

Am häufigsten handelt es sich um ein Berühren, Angreifen, Festhalten, Anblasen, Brennen, Stechen, Bohren, Krabbeln, Würgen, Sengen, Durchsägen usw. Oder auch komplexere Empfindungen wie Elektrisieren, Bestrahlen, Magnetisieren, durch Ultraschall, Kathoden- oder Laserstrahlen anpeilen, durch Suggestion oder Hypnose beeinflussen, verändern, schwächen, manipulieren oder gar zerstören. Im Extremfall werden die inneren Organe angefressen oder zermalmt, sind hohl oder verkohlt, und das alles teils ohne, oft aber mit zusätzlichen Schmerzen.

Mitunter sind noch andere Sinnesqualitäten betroffen: wie kalt oder heiß berührt oder angeblasen (thermische Halluzinationen) bzw. von Feuchtigkeit benetzt (hygrische Halluzinationen). Schließlich gibt es auch sexuell getönte Berührungs-Halluzinationen: sexuell manipuliert, missbraucht, vergewaltigt, geschwängert oder körperlich misshandelt (heute meist zu den Leibhalluzinationen gezählt - siehe später).

Gelegentlich unterteilt man die taktilen Halluzinationen noch in taktile Trugwahrnehmungen des Tastsinns sowie haptische Sinnestäuschungen an der Körperoberfläche.

Zu den Berührungs-Halluzinationen gehört auch die chronische taktile Halluzinose: zum einen der Dermatozoenwahn (auf oder unter der Haut krabbelnde Tierchen - siehe dieser), zum anderen der Enterozoenwahn (im Körperinneren, im Darm und in den Geschlechtsteilen wühlende kleine Würmer, Käfer oder sonstiges Ungeziefer).

Wo kommen Berührungs-Halluzinationen vor?

Taktile, haptische, Tast- oder Berührungs-Halluzinationen kommen vor allem bei organischen Psychosen vor. Das sind Geisteskrankheiten durch körperliche Störungen, wie beispielsweise durch Giftstoffe oder Arzneimittel ausgelöste Delirien. Am bekanntesten sind wohl das Kokain-Delirium, auch als "Kokain-Paranoia" bezeichnet sowie das Delirium tremens des Alkoholkranken mit vermeidlichem Kribbeln durch Ungeziefer u.a. Gelegentlich finden sich Berührungs-Halluzinationen auch bei schizophrener Psychose sowie diffusen zerebralen (Gehirn-)Erkrankungen.

· Vestibuläre Halluzinationen (Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes)

Vestibuläre Halluzinationen, auch kinästhetische Halluzinationen genannt, sind Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes: Empfindungen des Schwebens, Fliegens, Fallens, Schwankens, Erhebens, Gehobenseins, Bewegtwerdens u.a.

Wo kommen Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes vor?

Vestibuläre oder kinästhetische Halluzinationen bzw. Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes finden sich meist bei sogenannten Intoxikations-Psychosen ("Vergiftungs-Wahnsinn" durch Halluzinogene wie Haschisch/ Marihuana, LSD usw.). Gelegentlich auch im Rahmen eines sogenannten hirnorganischen Psychosyndroms (seelische Störungen durch hirnorganische Veränderungen: Gewalteinwirkung, Hirntumor, Stoffwechselstörungen usw.). Mitunter auch bei der schizophrenen Psychose. Oft Überschneidungen mit Leibhalluzinationen (siehe unten).

· Leibhalluzinationen, leibliche Wahrnehmungstäuschungen, zoenästhetische Halluzinationen

Unter Leibhalluzinationen oder leiblichen Wahrnehmungstäuschungen, in der psychiatrischen Fachsprache auch mit dem schwierig auszusprechenden Begriff zoenästhetische Halluzinationen bezeichnet, versteht man eigenartige Leibgefühle. Ihr wichtigstes Kennzeichen ist der Umstand, dass sie zwar körpereigene Störungen sind, jedoch als "von außen gemacht", von "anderen gezielt eingesetzt" empfunden werden. Manchmal anfallsweise, manchmal im raschem Wechsel oder auch dauerhaft. Oft sind sie wegen ihrer ungewöhnlichen Art der Beeinträchtigung so schwer zu schildern, dass sich die Betroffenen gezwungen sehen, geradezu groteske Vergleiche, Bilder oder gar neue Begriffe zu bemühen, um auch nur annähernd zu schildern, was sie hier an Sonderbarem quält.

Häufig finden sich auch fließende Übergänge zu taktilen (Berührungs-) und vestibulären Halluzinationen, also Trugwahrnehmungen des Gleichgewichtssinnes (siehe oben).

Wie äußert sich nun dieses ungewöhnliche Beschwerdebild leiblicher Wahrnehmungstäuschungen, das nebenbei am ehesten mit dem schwer fassbaren Leiden eines schizophren Erkrankten gleichgesetzt wird?

Patienten mit Leibhalluzinationen fühlen sich wie versteinert, vertrocknet, geschrumpft, leer, hohl, verstopft, durchflutet, durchstrahlt, dazu Bohren, Reißen, Brennen, Stechen, Elektrisieren sowie Temperaturbeeinflussungen wie extreme Hitzewallungen, Kälteschauer usw. Schließlich sogar diffuse oder umschriebene Schmerzempfindungen, anfallsweise oder langsam an- und abschwellend.

Besonders qualvoll die unfassbaren, grotesken Leibentstellungen: Der Körper wächst, wird verzerrt, dicker, schwerer, leichter, einzelne Körperteile wechseln ihre Größe und Form, sind inwändig aus Gold, Stein, Metall, Holz, Plastik u.a.

Noch furchterregender sind Hinweise wie Einschnürung oder Verfaulen der Leber, Heraus- oder Zerschneiden des Herzens, Verwesung des Darms, Parasitenbefall der Milz, Verfaulen der Bauchspeicheldrüse, Zerfressen der Lunge, Verflüssigung des Gehirns, "Würmer, Würmer, wohin man sieht" usw.

Auch bizarre Bewegungs-, Zug- und Druckempfindungen im Körperinneren, oder Reifen-, Band- und Ringgefühle bis zum panischen Erleben, dass die entsprechenden Körperteile stranguliert werden. Dazu abnorme Schwere- oder Leichtigkeitsgefühle, das Empfinden von Leere, von Fall-, Sink-, Schwebe- oder sonstigen Elevations-Phänomenen (vom lateinischen: elevare = auf- und emporheben).

Die Verkleinerungen, Schrumpfungen oder das Sich-Zusammenziehen und Einschnüren können bis zu Atemnot- und Erstickungsgefühlen gehen, natürlich ohne dass sich organisch etwas finden lässt.

Nicht weniger bedrohlich auch Scheinbewegungserlebnisse der Gliedmaßen und plötzliche Bewegungsschwäche bis zu sogenannten Bannungszuständen, in denen der Betroffene sich nicht mehr bewegen und sprechen kann.

Die oben erwähnten sexuellen Halluzinationen von der Berührung bis zur Vergewaltigung werden inzwischen ebenfalls zu diesen leiblichen Wahrnehmungsstörungen gezählt. Auch überschneiden sich Leibhalluzinationen vielfältig mit taktilen, haptischen, vestibulären bzw. kinästhetischen Halluzinationen (siehe diese). Schwierig oder unmöglich ist auch mitunter die Abgrenzung von wahnhafter Körper-Beeinflussung bzw. Körper-Entstellung.

Wo können Leibhalluzinationen vorkommen?

Leibhalluzinationen, leibliche Wahrnehmungstäuschungen oder zoenästhetische Halluzinationen finden sich vor allem bei schizophrenen Psychosen, aber auch hirnorganischen Veränderungen jeglicher Ursache, bei der Kokain-Intoxikation ("Vergiftungs-Wahnsinn") usw. Weniger ausgeprägt bei hypochondrischen Depressionen (siehe das Kapitel Depressionen), bei denen es in schweren Fällen zum unkorrigierbaren Eindruck kommen kann, als verfalle oder verrotte der eigene Körper. Überhaupt müssen Leibhalluzinationen sehr genau von hypochondrischen Klagen abgegrenzt werden (siehe auch das Kapitel Hypochondrie).

· Halluzinations-ähnliche Phänomene

Den Halluzinationen (Sinnestäuschungen, Trugwahrnehmungen) nahestehende Phänomene sind

· "Physiologische Halluzinationen": normale, nicht krankhafte Trugwahrnehmungen während des Einschlafens (sogenannte hypnagoge Halluzinationen) und während des Aufwachens (hypnopompe Halluzinationen). Meist auf optischem und akustischem Gebiet, also Gesichts- und Gehörs-Sinnestäuschungen mit oft stark gefühlsbestimmten Inhalten.

Vorkommen: wie erwähnt nicht krankhaft, stehen den Pseudo-Halluzinationen (siehe unten) nahe. Gehäuft bei Narkolepsie (siehe diese).

· Pseudo-Halluzinationen: Wahrnehmung von Sinneseindrücken ohne äußeren Sinnesreiz (Gehörtes, Gesehenes, Geschmecktes, Gefühltes, Gerochenes), die im Unterschied zu den eigentlichen Trugwahrnehmungen keinen Wirklichkeitscharakter besitzen und schon gar nicht als "von anderen gemacht und erzwungen" bezeichnet werden. Bildhafte Erlebnisse im Sinne "plastischer Vorstellungen". Der Trugcharakter wird aber stets erkannt ("nicht wirklich", "eingebildet").

Vorkommen: nach längerer intensiver Beschäftigung mit einem Gegenstand oder bei lebhafter Vorstellung aus entsprechender Gemütslage heraus. Fließende Übergänge zwischen Halluzinationen und Pseudo-Halluzinationen möglich. Bilden sich während der Pharmakotherapie (z.B. Neuroleptika) echte Halluzinationen zurück, können sie zeitweise den Charakter von Pseudo-Halluzinationen annehmen, also vom Kranken zunehmend als irreale Sinnestäuschungen erkannt werden.

· Illusionäre Verkennungen: vom lateinischen: illudere = verhöhnen, verspotten. Verfälschte Wahrnehmung, d.h. Fehlwahrnehmungen, Täuschungen des Erkennens. Fehldeutungen von Sinneseindrücken, die aber durch ein wirkliches Objekt hervorgerufen werden. Tatsächlich vorhandene Gegenstände werden also in ihrer Bedeutung verkannt. Beispiele: Wanduhr als Fratze, Tapetenmuster oder Schatten als Gestalten. Klassisches Beispiel: Goethes "Erlkönig". Übergänge zu echten Sinnestäuschungen, zu Pseudo-Halluzinationen und Wahn-Wahrnehmungen (siehe unten) möglich.

Vorkommen: durch Übermüdung, im Fieberzustand, bei Bewusstseinstrübung, in extremer Erwartungsspannung oder unter anderen starken gefühlsmäßigen Einflüssen. Begünstigt durch erschwerte Wahrnehmungsbedingungen wie Dämmerung, Nebel, lautes Stimmengewirr, aber auch hochdosierten Genussmittelkonsum (Kaffee, Alkohol) usw. Bei der schizophrenen Psychose vor allem auf akustischem Gebiet (Gespräche, Straßenlärm, Vogelgesang, Hundegebell, Motorengeräusch). Hier hat plötzlich alles eine andere Bedeutung, von der diffusen Bedrohung bis zur konkreten Beschimpfung. Auch bei Psychosen (Geisteskrankheiten) anderer Ursachen möglich (z.B. Kopf-Unfall, Vergiftung, Stoffwechselstörungen).

· Pareidolien: "Hineinsehen", oder "Herausformen" in/aus unklar strukturierten optischen Erlebnisfeldern (z.B. Wolken, Tapeten, Mauerwerk, Teppichmuster). Nebeneinander von Gegenstand und Phantasiegebilde, jedoch keine illusionäre Verkennung (siehe diese).

Vorkommen: von entsprechend begabten Gesunden aktiv auszulösen und steuerbar, ferner im Fieberdelir u.a.

· Eidetische Bilder: wahrnehmungsähnliche Eindrücke von sinnenhafter Deutlichkeit, meist das Sehen und Hören betreffend.

Vorkommen: nicht krankhaft. Eidetisch begabte Menschen können von eidetisch reproduziertern Bildern Einzelheiten wiedergeben. Sie wissen aber, dass es "Bilder" und keine realen Gegebenheiten, vor allem keine krankhaften Trugbilder sind.

Anhang

Wahnwahrnehmungen: keine Halluzinationen (wie der Name vielleicht nahelegt). Vielmehr wird hier das Objekt richtig wahrgenommen, erhält aber eine wahnhafte Bedeutung.

Reale Sinneswahrnehmungen bekommen also Kraft des Wahnes (siehe das entsprechende Kapitel) eine krankhafte (paranoide = wahnhafte) Eigenbeziehung. Die Sinneswahrnehmung stimmt, die Interpretation aus der Sicht des neutralen Beobachters ist falsch.

Beispiele: Einer alltäglichen Erscheinung wie einer Bemerkung, einem Gespräch, einer Geste, einer Handlung, einem Zeitungsartikel, einer Radio- oder Fernsehsendung wird eine spezifische Bedeutung beigemessen, meist auf den Betroffenen bezogen und belastend, nur selten positiv. Wahnwahrnehmungen sind nicht nur ein wesentliches Phänomen des Wahns (siehe dieser), sondern auch eines der wichtigsten Symptome zur Diagnose einer schizophrenen Psychose.

Vorkommen: schizophrene Psychose.

Zur Therapie der Halluzinationen

Während bei den meisten seelischen Erkrankungen die Pharmakotherapie, die Behandlung mit spezifischen Arzneimitteln nur eine von verschiedenen Möglichkeiten eines sogenannten Gesamt-Behandlungsplanes darstellt (Psycho- und Soziotherapie, physiotherapeutische Maßnahmen, ggf. spezifische Behandlungsverfahren und - falls notwendig - entsprechende Pharmaka), sind für die Mehrzahl der Halluzinationen die entsprechenden Psychopharmaka unverzichtbar. Das sind bei schizophrenen und anderen (organischen) Psychosen die antipsychotisch wirkenden Neuroleptika (Einzelheiten siehe das ausführliche Kapitel Neuroleptika). Bei Depressionen vor allem Antidepressiva (siehe das entsprechende Kapitel), ggf. unterstützt durch Neuroleptika.

Bei allen anderen Krankheitsbildern mit der Möglichkeit von Sinnestäuschungen jeweils spezifische Behandlungsverfahren: z.B. Delirium tremens beim Alkoholismus sowie Rauschdrogen- oder Medikamenten-Vergiftungen (entsprechende Arzneimittel, oft durch Neuroleptika unterstützt), Epilepsie (Antikonvulsiva, Antiepileptika), hirnorganische Psychosyndrome (Behandlung des Grundleidens: Schädelunfall, Vergiftung, Stoffwechselstörungen) u.a.

Eines muss aber in jedem Fall klar sein: Halluzinationen brauchen eine fachärztliche Abklärung (Nervenarzt, Psychiater, bei nicht-psychiatrischen Erkrankungen entsprechende Fachrichtung wie Neurologe, Internist usw.) und eine gezielte Therapie, meist medikamentöser Art.

Literatur

Da Halluzinationen zu den spektakulärsten und schon in alter Zeit beschriebenen Krankheitszeichen gehören (z.B. Altes Testament), meist in Verbindung mit schizophrenen Psychosen (siehe das ausführliche Kapitel zu den Schizophrenien), gibt es darüber eine umfangreiche Fachliteratur. Die Zahl allgemeinverständliche Artikel und Sachbücher hält sich allerdings in Grenzen, auch wenn gerade für die Schizophrenien immer mehr fachlich fundierte und verständlich dargestellte Beiträge zur Verfügung stehen.

Grundlage vorliegender Ausführungen sind

Faust, V., E. Faust: Seelische Störungen. Kleines Psychiatrie-ABC für den Alltag. Teil IV: H. Wiss. Verlagsges., Stuttgart 1999

Faust, V. (Hrsg.): Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Klinik, Praxis und Beratung. Gustav Fischer-Verlag, Stuttgart-Jena-New York 1996

Faust, V., C. Scharfetter: Psychopathologie 1-13. Heft 4: Störungen der Wahrnehmung. Ferdinand Enke-Verlag im Thieme-Verlag, 1997-2000 (fachärztliche Informationen in 13 Broschüren). Auch im Internet unter http://www.roche.de/depressionen

C. Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. Thieme-Verlag, Stuttgart 1996

C. Scharfetter: Schizophrene Menschen. Beltz-Verlag, Weinheim-New York 1995

Stratenwerth, I., Th. Bock: Stimmen hören. Kabel-Verlag, Hamburg 1998

Siehe auch das umfangreiche Kapitel über die Schizophrenien in dieser Internet-Serie.

Bei allen Ausführungen handelt es sich um allgemeine Hinweise.
Bei persönlichen Anliegen fragen Sie bitte Ihren Arzt.
Beachten Sie deshalb bitte auch unseren Haftungsausschluss (s. Impressum).