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GEHIRNSCHÄDIGUNG UND SEELISCHE FOLGEN

Gehirn-Störungen sind nicht selten, werden aber oft verkannt. Dies betrifft vor allem die seelischen und psychosozialen Symptome. Auf was muß man achten bei Meningitis (Hirnhautentzündung), Enzephalitis (Gehirnentzündung), gefäßbedingten Gehirnschädigungen wie Embolien, Thrombosen und sonstigen Beeinträchtigungen der Hirndurchblutung, bei Schädel-Hirn-Traumen (die durch Verkehrsunfälle ständig zunehmen), bei Gehirn-Tumoren (je nach Sitz des Tumors im Gehirn) und sogar bei Gehirnschädigung durch sportliche Aktivitäten?

Nachfolgend eine komprimierte Übersicht zu den wichtigsten Ursachen und Beschwerdebildern einschließlich therapeutischer Möglichkeiten.

GEHIRN-ENTZÜNDUNG: SEELISCHE, KÖRPERLICHE UND PSYCHOSOZIALE FOLGEN

Entzündliche Gehirnkrankheiten sind vor allem die Meningitis (Hirnhautentzündung) und die Enzephalitis (Gehirnentzündung). Im einzelnen:

Meningitis (Hirnhautentzündung)

Die Meningitis (Hirnhautentzündung) beginnt mit Mattigkeit, Abgeschlagenheit, Frösteln, Kopfweh und Gliederschmerzen sowie leichter Temperaturerhöhung. Dann heftigste Kopfschmerzen, Nackensteifigkeit, oft Seitenlage mit gebeugten Armen und Beinen, Berührungsüberempfindlichkeit. In diesem Zustand ist das Bewußtsein getrübt, es drohen Verwirrtheitszustände und Delir. In schweren Fällen Somnolenz (apathisch, stark verlangsamt und schläfrig) sowie Koma (nicht mehr weckbar).

Enzephalitis (Gehirnentzündung)

Die Enzephalitis (Gehirnentzündung) beginnt meist akut, z. B. mit Anfällen oder Lähmungen. In jedem zehnten Fall psychische Veränderungen, die mitunter zu falschen Diagnosen Anlass geben.

Beschwerdebild: unruhig, nervös, fahrig, gespannt, reizbar, seelisch-körperlich unruhig, ggf. Erregungszustände mit Verkennung der Umgebung und aggressiven Durchbrüchen. Aber auch still, verwirrt, desorientiert, verlangsamt, Antriebsmangel, gleichgültig, verstimmbar. Meist bewußtseinsgetrübt, d. h. alle Schweregrade von leichter Verhangenheit oder Benommenheit über schwer erweckbare Schläfrigkeit bis zur unerweckbaren Bewußtlosigkeit.

In fast der Hälfte der Fälle droht im akuten Krankheitsstadium eine exogene Psychose (durch äußere Faktoren ausgelöste Geisteskrankheit) mit besonderer Ausprägung obiger Symptome bis hin zu Verwirrtheit, Dämmerzuständen sowie deliranten Bildern. Da in solchen Fällen die Bewußtseinsstörung nur leicht ausgeprägt sein kann und typischerweise wechselt, sind Verwechslungen mit einer "endogenen" Psychose nicht selten. Hier handelt es sich besonders um die Frage: Schizophrenie mit Sinnestäuschungen oder Folgen einer Gehirnentzündung? In einem solchen Stadium helfen neurologische Herdbefunde weiter (z. B. Lähmungen, Sprachstörungen, Blicklähmungen sowie Anfälle).

Folgeschäden sind häufig sogenannte pseudoneurasthenische Syndrome: vermehrte Ermüdbarkeit, rasche Erschöpfung, Stimmungslabilität, Merk- und Konzentrationsstörungen. Möglich sind auch schwere Gedächtnisstörungen und (bleibende?) Persönlichkeitsveränderungen.

Weitere entzündliche Gehirnkrankheiten

Weitere entzündliche Gehirnkrankheiten mit seelischen und psychosozialen Folgestörungen sind die

- Progressive Paralyse: früher vor allem Folge der Geschlechtskrankheit Lues; 5 bis 15 Jahre nach Infektion Befall des Stirnhirns mit 1. einfacher Demenz, 2. expansiv-manischer Form (klassischer Größenwahn) sowie 3. euphorischer Form mit inhaltslosem Glücksgefühl. Heute vorherrschendes Beschwerdebild: langsame Charakterveränderungen, zunehmende Unzuverlässigkeit, persönlichkeitsfremde Handlungen, rasche Erschöpfbarkeit, Merk- und Konzentrationsstörungen, gelegentlich depressive Verstimmungen oder auch einmal stuporöse, katatone sowie paranoid-halluzinatorische Bilder (Einzelheiten s. die entsprechenden Fachbegriffe).

- Creuzfeld-Jakob-Krankheit: Nachlassen von Antrieb, Interesse und Konzentration, gelegentlich depressive Verstimmungen und schließlich zunehmende Demenz.

- AIDS-Enzephalopathie: s. AIDS.

- Multiple Sklerose: s. diese.

Schlußfolgerung

Wichtig ist - wie bei den anderen Gehirn-Störungen mit seelischen Folgen - das rechtzeitige Daran-Denken, nämlich dass seelische Störungen auch organische Ursachen haben können, die es psychiatrisch-neurologisch zu klären gilt, bevor man sich auf eine rein seelische Diagnose mit entsprechend einseitiger (und damit verhängnisvoll unzureichender) Therapie stützt. Beispiel: irrtümliche Diagnose einer Schizophrenie, Depression, Persönlichkeitsstörung, eines Alkohol-Delirs, Neurasthenie ("Nervenschwäche"), vegetativen Labilität (heute Somatisierungsstörung genannt usw.). Es gilt - bei entsprechendem Verdacht - zuerst mögliche organische Ursachen auszuschließen.

GEFÄSSBEDINGTE GEHIRNSTÖRUNG: SEELISCHE, KÖRPERLICHE UND PSYCHOSOZIALE FOLGEN

Physiologische Aspekte

Das Gehirn wird pro Minute von etwa 800 ml Blut durchströmt. Das sind rund 1 100 Liter in 24 Stunden. In der gleichen Zeit werden etwa 75 Liter Sauerstoff und 115 Gramm Zucker verbraucht. Auch die Umbaugeschwindigkeit der Eiweiße im Gehirn ist 25 Mal höher als am Herzmuskel und 80 Mal höher als am ruhenden Skelettmuskel.

Unterbrechung der Blutzufuhr im Gehirn

Eine Unterbrechung der Blutzufuhr - durch welche Ursache auch immer (s. später) - führt also rasch zu Warnsymptomen und schließlich zum Erlöschen der Gehirnfunktionen. Welches sind die häufigsten

Krankheitszeichen: depressive, ängstliche oder hypochondrische sowie wahnhaft getönte Verstimmungen; Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus mit nächtlichen Unruhezuständen, bis hin zu einem Delir; leichtere manische Zustandsbilder; depressiv-mißgestimmte Zustände; Sinnestäuschungen und Verwirrtheitszustände; rasche Erschöpfbarkeit mit Krankheits- und Unfähigkeitsgefühlen; Zuspitzung vorbestehender Persönlichkeitszüge; organische Persönlichkeitsveränderungen leichterer Natur mit Abnahme feinerer Regungen, gemütsmäßiger Labilität, ggf. Enddifferenzierung der Wesensart bis hin zur Enthemmung. In seltenen Fällen auch eine fortschreitende Demenz (Einzelheiten s. die entsprechenden Stichworte).

Mögliche Ursachen

Zu einer Unterbrechung der Blutzufuhr des Gehirns kann es kommen durch:

  • Thrombangiitis obliterans im Gehirnbereich (schubweise verlaufende chronisch-entzündliche Gefäßerkrankung mit Durchblutungsstörungen durch Blutpfropfbildung, die die Gefäße verstopfen): Zuspitzung bestimmter Persönlichkeitszüge, Persönlichkeitsabbau bis zur Demenz, (rückbildungsfähige) organische Psychosen (Geisteskrankheiten), nicht selten mit schizophrenen Zustandsbildern.

  • Subarachnoidalblutung (Blutung unter die Spinnwebhaut des Gehirns, meist durch Riß bestimmter Hirngefäße): nach Abklingen der Bewußtseinstrübung ggf. delirante Bilder, Dämmer- und Verwirrtheitszustände. Jahrelange Hirnleistungsschwäche mit Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen möglich.

  • Hirnvenen- und Sinusthrombosen (Blutpfropfbildung in Venen und großen Blutleitern des Gehirns): Bewußtseinsstörung mit z. T. wochenlangen komatösen Zuständen (nicht mehr erweckbar). Verwirrendes Spektrum wechselnder Bewußtseinseinschränkungen mit apathisch-stumpfen, verwirrt-umtriebigen und delirant-halluzinatorischen Bildern.

  • Extrakranielle (außerhalb des Gehirns ausgelöste) Störungen der Hirndurchblutung: Narkosezwischenfälle, Herz- und Atemstillstand, Carotisthrombosen am Hals u. a. können zu vorübergehenden Psychosen sowie nicht mehr rückbildungsfähigen Störungen von Gedächtnis, Antrieb und Gemütslage führen.

  • Unspezifische zerebrovaskuläre Bilder durch Störungen im Gehirngefäß-Kreislauf: Persönlichkeitsänderungen mit bis zur Dissozialität reichenden Entgleisungen sowie Demenzzustände, psychotische Krankheitszeichen und episodische Verstimmungen.

Schlußfolgerung

Krankhafte Veränderungen der Gehirndurchblutung sind häufiger als vermutet und werden - zumindest teilweise - auch von der entsprechenden Lebensweise bestimmt (Streß, Nikotinabusus usw.). In vielen Fällen sind es erst einmal neurologische Warn- oder Akutsymptome (vor allem Bewußtseinsstörungen). Doch sind auch seelische und psychosoziale Folgen möglich, die es ernstzunehmen und umgehend abzuklären gilt. Sich nur auf mögliche seelische Ursachen zu verlassen, kann verhängnisvoll sein (schlechte Heilungsaussichten, weil keine gezielte Therapie der zugrundeliegenden organischen Störung).

GEHIRN-TRAUMA: SEELISCHE, KÖRPERLICHE UND PSYCHOSOZIALE FOLGEN

Gehirn-Traumen (vom griech.: trauma = Verletzung, Wunde) und ihre seelischen und psychosozialen Folgen nehmen zu. Derzeit gibt es mehr als 300 Schädel-Hirn-Verletzte auf 100 000 Einwohner pro Jahr in Deutschland (davon fast ein Drittel intensiv-pflegebedürftig). Die Folgen werden - vor allem in ihrem definitiven und damit vollem Ausmaß - häufig unterschätzt. Schäden des Zentralen Nervensystems stehen in Mitteleuropa an erster Stelle der Invaliditätsursachen.

Historische Aspekte

Charakterveränderungen nach Verletzung bestimmter Hirnanteile wurden bereits Mitte vorigen Jahrhunderts beschrieben. Die Erfahrungen vieler Kriege, insbesondere der zwei Weltkriege mit ihren zahlreichen Geschoß- und Splitterverletzungen des Gehirns zwangen dann zur intensiveren Erforschung. Diesen Kriegserfahrungen lagen jedoch vorwiegend offene Hirnverletzungen mit umschriebenen strukturellen Schäden zugrunde. Heute sieht man meist gedeckte Schädel-Hirn-Verletzungen von Unfallopfern mit überwiegend diffusen Gehirnsubstanz-Schäden.

Die diagnostischen (vor allem bildgebenden Verfahren wie Computertomographie und Kernspintomographie) sowie die therapeutischen Möglichkeiten (insbesondere auf rehabilitativem Gebiet) wurden inzwischen deutlich verbessert. Hinderlich ist hingegen eine nach wie vor uneinheitliche und damit unscharfe Begriffsbestimmung und Klassifikation.

Einteilung nach Stadien

Eine pragmatische Darstellung traumatischer Hirnschäden legt folgende Einteilung nahe: 1. Akutstadium (Stadium der Bewußtseinsstörung), 2. Remissionsstadium und 3. Stadium des Dauerschadens. Im einzelnen:

1. Akutstadium: Stadium der Bewußtseinsstörung

Wichtigstes Syndrom (charakteristische Gruppe entsprechender Krankheitszeichen) in der Frühphase ist die Störung des Bewußtseins.

  • Dauer und Ausprägung der Bewußtseinsminderung sind bei gedeckten Schädel-Hirn-Verletzungen der beste klinische Maßstab für die Schwere der Schädigung. Dagegen können offene Schädel-Hirn-Verletzungen, selbst erheblichen Ausmaßes, ohne oder mit nur geringer Bewußtseinsminderung einhergehen.

Klinisch werden verschiedene Formen von Bewußtseinsminderung unterschieden, die durch eine kontinuierliche Abnahme der Vigilanz (Wachheit) gekennzeichnet sind:

  • Somnolenz: leichteste Form der Bewußtseinsminderung. Patient schläft immer wieder ein, ist aber durch optische, akustische oder sensible Reize erweckbar. Manchmal grenzt man hier noch die Benommenheit ab, wenn der Patient zwar wieder spontan, jedoch verlangsamt und mit eingeengter Aufmerksamkeit handelt.

  • Sopor: weitgehend kontinuierlicher schlafähnlicher Zustand, aus dem der Patient nur durch starke Reize unvollständig erweckbar ist. Er reagiert mit diffusen oder gezielten Abwehrbewegungen oder motorischen Unmutsäußerungen. Eine geordnete verbale Kontaktaufnahme ist jedoch mehr nicht möglich.

  • Bewußtlosigkeit (Koma): unerweckbarer Zustand. Keine gerichteten Bewegungen mehr auf Reize jeglicher Art. Die Augen sind geschlossen und werden weder auf Anruf noch auf Schmerzreize hin geöffnet. Ungerichtete Abwehrbewegungen jedoch möglich. Dieser Zustand läßt sich durch die begleitenden neurologischen Befunde in einzelne Stadien unterteilen, die für die Prognose (Krankheits-Vorhersage, Heilungsaussichten) bedeutsam sind (gemessen an Pupillen- und muskulärer Reaktion, an Augenbewegungen, Atmung, verbalen Äußerungen u. a.).

Mögliche Folgen

Zu den möglichen Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas in dieser Phase (s. auch später) zählen

  • sogenannte traumatische (symptomatische, organische) Psychosen: besonders nach verzögerter Rückbildung der Bewußtseinsminderung. Charakteristika: Veränderungen der Bewußtseinsinhalte in Form von Verwirrtheit oder bestimmten (als krankhaft "produktiv" bezeichneten) Symptomen: Delirium, Dämmerzustand, Halluzinosen, amentielle, katatone, paranoide oder paranoid-halluzinatorische Zustandsbilder u. a. (Einzelheiten s. die entsprechenden Krankheitsschilderungen).

  • Apallisches Syndrom oder Coma vigile: erste Rückbildungszeichen im Sinne einer vegetativen Erholung. Beispiele: Augen wieder geöffnet, jedoch ohne erkennbare Kontaktaufnahme mit der Umgebung. Wieder normaler Schlaf-Wach-Rhythmus; jedoch weiterhin ausgeprägte Gehirn-Störungen (z. B. Temperaturregulation, erhöhte Muskelspannung aller vier Gliedmaßen usw.). Möglich als Zwischenstadium nach schwersten Hirnverletzungen. Kann Jahre dauern. Lebensgefahr durch zusätzliche Erkrankungen (z. B. Infektionen) bei erheblich geschwächtem Organismus.

Nicht zu verwechseln mit dem Apallischen Syndrom ist das sogenannte Pseudo-apallische Syndrom: vorwiegend bei Kindern. Nach relativ kurzem Koma und evtl. kurzfristiger Ansprechbarkeit und adäquater Reaktionsfähigkeit plötzlich ausgeprägter, lang anhaltender akinetisch-mutistischer Zustand (bewegungslos, sprachlos, deshalb auch als "Dornröschenschlaf-Syndrom" bezeichnet). Ursachen: organische, aber auch psychoreaktive (seelische und psychosoziale) Ursachen.

  • Locked-in-Syndrom: volles Bewußtsein, jedoch sprech- und bewegungsunfähig. Lid- und Augenbewegungen möglich. Ursache: bestimmte Hirnverletzungen.

Wichtig: Eine ausgeprägte Bewußtseinsminderung wird rasch erkannt, leichtere Grade dagegen häufig nicht. Deshalb auf folgende Untersuchungsaspekte achten:

  • Orientierung: zeitlich - kalendarisch (Jahr, Monat, Woche, Tag, Uhrzeit), situativ, örtlich-geographisch, zur eigenen Person u. a. Als besonders anfällig erweist sich die zeitliche Orientierung. Desorientierheit zur eigenen Person beweist ausgeprägte Bewußtseinsminderung.

  • Weitere Untersuchungsaspekte: Verlangsamung aller Bewegungsabläufe, Einengung der Aufmerksamkeit, verminderte und verzögerte Reaktion auf äußere und innere Reize, ggf. Veränderung von EEG (Gehirnströme) u. a.

Gerade die Erfassung von leichteren Bewußtseinsstörungen ist von großer Bedeutung (auch versicherungsrechtlich!). Vor allem hier wird die Schwere des Traumas gerne unterschätzt (vorzeitige Klinikentlassung?).

Die Dauer von Bewußtlosigkeit, Bewußtseinsminderung bzw. von posttraumatischer Amnesie (bedeutungsgleicher Begriff = anterograde Amnesie: Zeitspanne vom Unfallereignis bis zum Wiedererlangen des Bewußtseins) sind der beste klinische Maßstab für die Beurteilung der Schwere einer gedeckten (also nicht offenen) Hirnschädigung und neben elektrophysiologischen Befunden (z. B. EEG) die wichtigsten Hinweise für den weiteren Heilungsverlauf.

2. Remissionstadium

Remission (vom lat.: remissio = zurücksenden, nachlassen) heißt Rückgang seelischer oder körperlicher Krankheitszeichen, jedoch noch keine vollständige Wiederherstellung der Gesundheit (Heilung). So tritt auch das Vollbild der psychischen Ausfälle erst nach Abklingen der Bewußtseinsminderung nach traumatischem Hirnschaden so richtig zu Tage. Das Beschwerdebild gleicht dem des Dauerschadens (s. u.). Treten keine weiteren Komplikationen auf, so ist eine Besserung zu erwarten. Nach leichteren Schädigungen sieht man teilsweise völlige Rückbildungen innerhalb weniger Monate. Doch bei den meisten schweren Hirnschäden ist eine völlige Restitution (Wiederherstellung) kaum zu erreichen.

Die wesentlichsten Verbesserungen sind in den ersten zwei Jahren nach dem Unfall zu erwarten; weitere sind jedoch auch noch über Jahre hinweg möglich.

Psychische Symptome bilden sich mit Erholung des Gehirns meist spontan zurück, auch im Erwachsenenalter. Problematisch ist allerdings die beeinträchtigte Krankheitsverarbeitung (wie werde ich mit den mittel- bis langfristigen Folgen fertig?).

Nach dem Erwachen aus der Bewußtseinsminderung findet sich der Betroffene in einer subjektiv völlig veränderten Welt wieder. Das in der Regel akute Ereignis hat ihn unerwartet getroffen und aus seinem bisherigen Lebensraum herausgerissen. Zurück liegen Wochen oder Monate weitgehender Erinnerungslosigkeit. Selbst hinsichtlich des Unfallereignisses muß er sich auf fremde Informationen verlassen. Viele Fragen drängen sich auf, die zudem noch in fremder Umgebung (in der Regel die Überwachungseinheit einer Klinik) zu beantworten sind. Besonders bei Kindern und Jugendlichen kommt es hier mitunter zu erheblichen Störungen: Realitätsverkennung und -verleugnung bis hin zur psychotischen Dekompensation usw. Selbst augenscheinliche Unfallfolgen werden erst langsam realisiert, manche bleiben über Monate verborgen (z. B. Geruchsstörung).

Im seelischen Bereich kann das noch schwieriger werden und Jahre beanspruchen. Manche Veränderungen (besonders im Verhalten) bleiben der Eigenwahrnehmung für immer ganz oder zumindest teilweise unzugänglich. Bisweilen dauert es Jahre, bis sich ein neues Gleichgewicht eingestellt hat und der bleibende Schaden faßbar wird. Dann ist aus der Krankheit eine Behinderung geworden. Jetzt drohen allseits eingreifende Veränderungen im sozialen Gefüge oder zusätzliche Leiden, die zu weiteren Belastungen führen.

Das "Durchgangs-Syndrom"

Das Krankheitsbild des Remissionsstadiums wird auch gerne als "Durchgangs-Syndrom" bezeichnet. Zum einen wird dieser Begriff aber klinisch häufig falsch eingesetzt, zum anderen sollte er genauer erläutert werden:

In vielen Untersuchungen heißt es lediglich: bewußtseinsklar, voll orientiert, keine formalen oder inhaltlichen Denkstörungen (die bei neurologischen Krankheiten ohnehin kaum zu erwarten sind) und keine "Werkzeugstörungen" (bildhafte Bezeichnung für körperliche Funktionsstörungen, vor allem Sprachstörungen). Hilfreicher wären dagegen anschauliche Hinweise auf das Verhalten (spontan, im Gespräch, während der Untersuchung), die geistig-seelischen Kategorien (Bewußtsein, Orientierung, spontaner Antrieb, Anregbarkeit, Stimmung, gemütsmässige Reaktion, den mimischen, gestischen und sprachlichen Ausdruck sowie schließlich Aufmerksamkeit, Konzentration, begriffliche Schärfe des Denkens und Merkfähigkeit usw.). Wichtig ist auch die Biographie (Lebensgeschichte) des Patienten und seine derzeitige Lebenssituation, was für Kenntnis und Verständnis dieses vielschichtigen Aspektes unentbehrlich ist.

3. Stadium des Dauerschadens

Die psychischen und psychosozialen Dauerschäden lassen sich unterteilen in

1. kognitive Ausfälle: Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Ausdauer, Schnelligkeit, Flexibilität

2. Störungen des Erlebens und Verhaltens: Psychomotorik (Gesamtheit des Bewegungsablaufes, der durch seelische Vorgänge geprägt ist, gleichsam die Integration von seelischen und körperlichen Funktionen), Antrieb, Grundstimmung, Stimmungsschwankungen, Selbstwahrnehmung, Kränkbarkeit, Erregbarkeit, Mißtrauen, Distanzminderung usw. Im einzelnen:

3.1 Kognitive Ausfälle

1. Allgemeine Störungen der Informationsverarbeitung äußern sich meist in einer

  • allgemeinen Verlangsamung mit einer insgesamt geringeren Aufnahmekapazität; der Patient kann sich z. B. im Gespräch nur noch auf seinen Partner einstellen. - Störungen im Konzentrationsbereich: häufig. Viele Verletzte können ihre Aufmerksamkeit nur über eine begrenzte Zeit aufrecht erhalten. Oftmals drohen auch kurzfristige Konzentrationseinbrüche. Teilweise erhebliche Ablenkbarkeit sowie Schwierigkeiten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Häufig auch allgemeine Umstellungerschwernis.

Dies ist gerade in unserer schnellebigen und hektischen Zeit ein fast unüberwindbares Hindernis. Das verbliebene Leistungsniveau ist nur noch unter günstigen Rahmenbedingungen aufrechtzuerhalten. Die üblichen Störfaktoren (z. B. Lärm, Spannungen, Streß) führen rasch zur Dekompensation. Auch die zunehmende Komplexität der Aufgaben, selbst im privaten, zwischenmenschlichen Bereich, können verhängnisvoll werden. So werden schwierige Zusammenhänge teilweise nicht mehr verstanden, was zu erheblichen Mißverständnissen führen kann, ganz zu schweigen von der krankhaften Verarbeitung bis hin zur wahnhaften Interpretation.

  • Gedächtnisschwierigkeiten: Meist sind sie Ausdruck einer allgemeinen Beeinträchtigung der kognitiven (geistigen) Funktionen. Sie können aber auch den Lernvorgang sowie die Fähigkeit des Behaltens oder Abrufens von Gedächtnisinhalten betreffen.

  • Das logische Denken (wichtiger Aspekt der Intelligenz) ist nur nach sehr schweren Schädel-Hirn-Verletzungen beeinträchtigt.

  • Die Ausdauer ist jedoch häufig vermindert. Nach längerer Belastung kommt es meist zu ausgeprägten Erschöpfungszuständen mit depressiven Stimmungseinbrüchen und belastenden vegetativen Folgen (Schlaf, Appetit usw.). Die Erholungspausen werden immer häufiger und länger (was auch der Gesetzgeber durch die regelmäßige Kurberechtigung von Hirnverletzten berücksichtigt hat).

3.2 Neuropsychologische Symptome

Die Neuropsychologie ist eine medizinische Disziplin aus Psychologie und Physiologie (Lehre von den normalen Lebensvorgängen) des Nervensystems, die sich vor allem mit den sogenannten "Werkzeugstörungen" (s. o.) beschäftigt. Nachfolgend die häufigsten neuropsychologischen Syndrome nach traumatischem Hirnschaden:

  • Aphasien sind Sprachstörungen bei erhaltener Funktion der zum Sprechen benötigten Organteile. Sie finden sich vorwiegend nach Schädigung bestimmter Hirnregionen (z. B. Stirn-, Schläfen- und Scheitellappen). Dabei können Sprachproduktion und Sprachverständnis getrennt oder zusammen betroffen sein.

  • Störungen der Wahrnehmung, finden sich meist nur in der Frühphase. Häufiger werden einzelne Krankheitszeichen nicht oder nur verzögert wahrgenommen (z. B. Geruchsverlust). Besonders nach Verletzungen der Stirnhirnbasis (also in Nähe der Augenhöhlen) können die Ausfälle nicht adäquat realisiert werden. Nach Beeinträchtigung der rechten Scheitellappenregion kann es zur Nichtwahrnehmung oder Vernachlässigung der anderen Körperseite kommen. Auch die Wahrnehmung der räumlichen Beziehungen zwischen verschiedenen Objekten oder ihren einzelnen Teilen oder deren graphische Reproduktion ("zeichnen oder schreiben sie auf!") können vorübergehend oder dauernd gestört sein.

    Wichtig: Störungen im optisch-räumlichen Bereich können in der Frühphase einer Hirnschädigung leicht mit einer Bewußtseinsminderung verwechselt werden.

  • Apraxie: Unfähigkeit, die dafür zuständigen und vor allem intakt gebliebenen Körperteile für Einzelbewegungen, Bewegungs- und Handlungsfolgen (besonders Hände) zweckmässig einzusetzen. Solche apraktische Störungen treten vorwiegend nach Schädigung jener Hirnhälfte auf, in der jeweils das Sprachzentrum liegt (kann individuell variieren).

3.3 Störungen des Erlebens und Verhaltens

Folgenschwere Ausfälle können sich nach entsprechenden Hirnschäden auch im affektiven Bereich (Erleben) und in Verhaltensauffälligkeiten (Antrieb, Sozialverhalten) äußern. Im einzelnen:

  • Stimmung: Veränderungen der Grundstimmung, die sich weder aus dem entsprechendem Lebensablauf noch durch die Verarbeitungsvorgänge des Unfalls erklären lassen. Sie pflegen unmittelbar auf die organische Hirnschädigung zurückzugehen. Dabei kann es sowohl um eine gemütsmäßige "Herabstimmung" (bis zur Depression"), als auch um eine krankhafte "Heraufstimmung" (bis zur sogenannten symptomatischen oder organischen Manie, der krankhaften Hochstimmung) kommen.

Bei den depressiven Bildern handelt es sich meist um unerklärliche und auf keine äußeren Beeinträchtigungen zurückgehende Verstimmungen (vor allem nach Schädigung des rechten Schläfenlappens des Gehirns). Viele Patienten klagen über Veränderungen ihrer gemütsmäßigen Schwingungsfähigkeit. Sie sind nach dem Unfall "dünnhäutiger" geworden. Lachen und Weinen sind näher zusammengerückt. Es kommt zu einer sogenannten Affektlabilität (Gemütslabilität, Rührseligkeit). Schon bei kleinsten Anlässen (z. B. Musik oder belastende Gespräche) reagieren sie emotional überschießend. Das ist ihnen peinlich und führt nicht selten zu Rückzug und damit Isolationsgefahr. Umgekehrt kann es aber auch zu einer Verminderung der zwischenmenschlichen Schwingungsfähigkeit kommen, so dass die Betroffenen durch eine emotionale Ansprache überhaupt nicht mehr erreichbar sind.

Am häufigsten findet sich eine vermehrte Erregbarkeit. Das kann bis zu immer wiederkehrenden verbalen und sogar körperlich aggressiven Durchbrüchen führen. Die Konsequenzen sind meist folgenschwer. Die Patienten sind zwar krankheitseinsichtig, aber in der jeweiligen Situation völlig unfähig, danach zu handeln. Sie sind oft sehr verletzlich und fühlen sich schnell benachteiligt. Ein falsches oder mißverstandenes Wort kann sie rasch, tief und tagelang beschäftigen. Manchmal erwächst daraus auch eine paranoide (wahnhafte), wenn nicht gar querulatorische Fehlentwicklung (ständiges Herumquengeln und Nörgerln). Bisweilen treten solche Überempfindlichkeiten sogar periodisch auf ( "an manchen Tagen stört mich die Fliege an der Wand").

Daneben schildern einige Patienten eine diffuse, bisweilen auch konkrete, zwanghafte Angst (Phobie) oder werden durch eine zwanghafte Neigung zur hypochondrischen Selbstbeobachtung gequält.

Antrieb: Auch der Antrieb kann vermindert oder gesteigert sein.

  • Eine Verminderung des Antriebs äußert sich im allgemeinen durch Nachlassen von Initiative, Interesse, Aktivität, Kreativität u. a. In schweren Fällen sitzen die Patienten nur noch untätig herum, sind wortkarg und spontan kaum zu einer sinnvollen Tätigkeit fähig. Bei noch bestehender Fremdanregbarkeit können sie wenigstens noch zu einem halbwegs strukturierten Tagesablauf angeleitet werden. Antriebsminderungen finden sich vorwiegend nach beidseitigen Schädigungen im Stirnhirnbereich.

  • Eine Steigerung des Antriebs äußert sich meist in einer unproduktiven Umtriebigkeit mit leichter Ablenkbarkeit bis hin zu Ideenflucht und Redeschwall. Sie geht vorwiegend auf eine Schädigung des hirnbasisnahen Stirnhirns (in der Nähe der Augenhöhlen sowie der damit funktionell verbundenen Gehirnregionen zurück).

Veränderungen im zwischenmenschlichen Verhalten sind somit nach Schädel-Hirn-Verletzungen häufig zu erwarten. Sie gehen teils auf organische Schädigungen zurück, haben aber auch oft psychoreaktive Ursachen. Die Folgen äußern sich entweder in einem Verlust zwischenmenschlicher Schwingungsfähigkeit (s. o.) und/oder in der Schwierigkeit, eine adäquate zwischenmenschliche Distanz zu wahren. Vor allem dieses Gemisch aus organischen und zwischenmenschlich bedingten psychoreaktiven Faktoren kann eine Reihe schwer faßbarer und scheinbar unvereinbarer Krankheitszeichen nach sich ziehen: resigniert, verzagt, ratlos, hilflos, Minderwertigkeitsgefühle, Angstzustände, Zwänge, Überempfindlichkeit, rasche Kränkbarkeit, Unzufriedenheit, Vorwurfshaltung, Reizbarkeit, Mißmut, aufbrausend bis aggressiv, unschlüssig, Schuldgefühle, Beziehungsstörungen, Lebensüberdruß u. a. m.

Therapie/Rehabilitation

Im Akutstadium geht es vorwiegend um die Erhaltung des Lebens und die Vorbeugung von Folgeschäden, im Remissionstadium um gezielte Diagnostik und Therapie, vor allem aber um eine Hilfestellung bei der Krankheitsbewältigung und gesellschaftlichen Reintegration. Im Grunde sollte die Rehabilitation deshalb schon auf der Intensivstation beginnen.

Möglich ist sie durch ein interdisziplinäres Team: Ärzte, Ergotherapeuten, Krankengymnasten, Logopäden, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Psychologen u. a., am besten in neurologischen Rehabilitationseinrichtungen, und zwar wohnortnah (Angehörige!).

Die Erfolge einer Rehabilitation werden von folgenden Faktoren bestimmt:

Intelligenz und körperliche Verfassung vor dem Unfall; berufliche und soziale Situation; Ausmaß und Lokalisation der Hirnschädigung; Lebensalter (bei jungen Unfallopfern günstigere organische Ausgangslage, aber ungünstigerer sozialer Rahmen = keine abgeschlossene Ausbildung, keine feste Partnerbeziehung); familiäre und soziale Integration; versicherungsrechtliche Absicherung sowie allgemeine soziale Stützung.

Besondere Probleme ergeben sich in folgenden Bereichen:

  • Partnerschaft/Familie: Schädel-Hirn-Verletzte haben eine deutich höhere Scheidungsrate, nicht zuletzt durch seelische Veränderungen sowie sexuelle Störungen. Die familiäre Stabilität hängt vor allem von der Dauer der Beziehung ab. Partnerbeziehungen bei jungen schwer Hirngeschädigten zerbrechen am ehesten. Dann drohen Rückgang sozialer Außenkontakte und Gefahr des Einzelgängertums, im Extremfall die soziale Isolation oder gar Abstieg. Manchmal werden ganze Familien in diesen Niedergang hereingerissen.

  • Beruf: Häufig scheitert die berufliche Wiedereingliederung von schwer Schädel-Hirn-Verletzten an deren Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen. Große Probleme werfen auch Einschränkungen im geistigen Bereich auf. So lauten die häufigsten Klagen der Arbeitgeber: Minderung des Gedächtnisses und der Umstellungsfähigkeit, allgemeine Verlangsamung und Leistungseinbußen, zunehmende Ermüdbarkeit, vermehrte Stimmungsschwankungen, erhöhte Streit-Neigung, ggf. Einzelgängertum.

Fazit: So sollte sowohl im Interesse des Betroffenen als auch unter sozio-ökonomischen Gesichtspunkten die Rehabilitation absoluten Vorrang vor allen übrigen sozialen Hilfen haben.

GEHIRN-TUMOR: SEELISCHE, KÖRPERLICHE UND PSYCHOSOZIALE FOLGEN

Gehirn-Tumoren (Fachbegriff: raumfordernde intracranielle Prozesse) äußern sich in neurologischen Symptomen (z. B. Lähmungen, epileptische Anfälle, Gesichtsfeldausfälle, Abweichungen der Muskelreflexe), in neuropsychologischen Störungen (z. B. Orientierung, sprachabhängige Leistungsstörungen), gelegentlich auch in anderen Krankheitszeichen (z. B. Blutdruck). Schließlich in apparativ objektivierbaren Störungen (z. B. Elektroenzephalogramm (EEG), Computertomographie, Kernspintomographie, Elektromyogramm) usw.

Wichtig sind aber auch seelische und psychosoziale Konsequenzen. Denn sie gehören mit den Kopfschmerzen und epileptischen Anfällen zu den Frühsymptomen, in denen ein gezielter Eingriff noch die besten Heilungsaussichten hat.

Am häufigsten sind Verhaltens-Veränderungen: Der spontane Antrieb läßt nach, die Gemütsregungen stumpfen ab, das Interesse engt sich ein, der berufliche Einsatz geht zurück, die mitmenschlichen Beziehungen leiden oder schlafen ganz ein. In vielen Fällen erscheint die Persönlichkeit "entdifferenziert" oder "vergröbert".

Psychische Veränderungen sind vor allem bei Tumoren im Kindesalter häufig das einzige Frühsymptom (die Schädelnähte sind noch nicht geschlossen, weshalb es viel später zu Hirndrucksymptomen und entsprechenden Kopfschmerzen kommt). Das plötzliche (!) Einsetzen von Verhaltensstörungen ist so lange auch auf einen raumfordernden Hirnprozeß verdächtig, bis eine neurologisch-psychiatrisch-psychologische Abklärung auf diesem Gebiet zur Entwarnung berechtigt.

Die wichtigsten Warnsymptome sind Teilnahmslosigkeit, Spielunlust, Leistungsabfall, Reizbarkeit und Gemütslabilität.

Die Erfassung von seelischen und psychosozialen Früh-Warn-Symptomen ist aber für jede Altersstufe entscheidend. Und sie beschränkt sich nicht nur im Rahmen möglicher raumfordernder Hirnprozesse auf Hirntumoren, sondern schließt auch Hirnabszesse (Eitergeschwüre), Hirnödeme (Verquellungen durch Flüssigkeitseinlagerung) sowie Hämatome (Blutergüsse zwischen den Hirnhäuten) ein. Auf was ist deshalb zu achten?

Seelische Störung und Tumorsitz

Der Sitz des raumfordernden Hirnprozesses kann für das Beschwerdebild mitbestimmend sein, und zwar unabhängig und vor Ausbildung einer Drucksteigerung. Eine Hirndrucksteigerung, von wo auch immer ausgehend, führt schließlich zu rasch zunehmender Bewußtseinstrübung mit Benommenheit, Schläfrigkeit und Koma (nicht mehr erweckbar). Vor diesem bedrohlichen Stadium aber lassen sich bereits bestimmte Hinweise nutzen, je nach Sitz der Ursache:

Stirnhirntumoren

Bei den Stirnhirntumoren ist zu unterscheiden zwischen dem orbitalen und hochfrontalen Stirnhirnbereich. Im einzelnen:

- Beim orbitalen, also augenhöhlennahen Bereich (orbitale Rinde), wirkt der Patient wie eine atypische Manie (krankhafte Hochstimmung): flache Euphorie (inhaltsloses Wohl- bis Glücksgefühl) mit distanzlosem Witzeln, irritierendem zwischenmenschlichem Verhalten (Fachbegriff: Verlust der Wertvorstellungen; populär: "schlechte Kinderstube"), Enthemmung im sexuellen Bereich, aggressive Durchbrüche u. a.

- Beim hochfrontalen Stirnhirnbefall, bei dem der obere Stirnhirnanteil betroffen ist (Fachbegriffe: Marklager und Konvexität), werden die Patienten aspontan, bis sie am Schluß überhaupt keine Initiative mehr entwickeln und stundenlang regungslos dasitzen, das Bett nicht mehr verlassen und sogar ihre Speisen halbzerkaut im Mund behalten. Auch die sprachlichen Äußerungen versiegen. Zielgerichtete Handlungen sind nur noch begrenzt anregbar. Die Antworten bleiben einsilbig, ein Gespräch ist am Ende nicht mehr möglich. Jede Umstellung ist erschwert: Hat sich der Betroffene einer Situation oder einem Objekt (Mensch, Tier, Gegenstand) zugewandt, ist er so darauf fixiert, dass er nur noch schwer abgelenkt werden kann. Da die Eigeninitiative quasi ausgelöscht ist, wird die Auslieferung an die Umwelt umso stärker. Das äußert sich in sogenannten Echo-Symptomen: Wiederholung des Gehörten (Echolalie), Wiederholung von Bewegungen des Gegenüber (Echopraxie), Wiederholungen von Handlungen und Worten (Perseveration) usw. Die Stimmung ist gleichgültig-indolent ("wurstig"), der Gemütsbereich gleichsam "eingeebnet". Das Bewußtsein hingegen kann ungestört sein.

Meist ist jedoch der obere oder untere Teil des Stirnhirns nicht so scharf bzw. abgegrenzt betroffen, so dass es auch nicht zu einem scharf getrennten Beschwerdebild kommt. Oft findet man deshalb beim gleichen Patienten eine verwirrende Symptom-Mischung wie z. B. Antriebsverlust und gleichzeitig flache Euphorie usw.

Das Krankheitsgeschehen wird häufig von Wesens- und Charakterveränderungen eingeleitet (besonders wenn auch noch der Schläfenlappen des Gehirns betroffen ist). Die Folgen sind schwerwiegend, z. B. häufige Querelen, Verlust wichtiger sozialer Bezüge, am Schluß auch beruflicher bzw. sozialer Abstieg. Typisch ist auch eine eigenartig aspontane Verhaltensweise bei jedoch erhaltener Fremderregbarkeit (allein reaktionslos, mit anderen tragbar).

Schläfenlappentumoren

Patienten mit Schläfenlappentumoren erscheinen häufig als reizbar, verstimmbar, ängstlich oder depressiv. Nicht selten anfallsweise Halluzinationen, und zwar meist Geschmacks- und Geruchs-Sinnestäuschungen, mitunter aber auch akustische oder optische Trugwahrnehmungen. Typisch sind weiterhin Déjà vu-Erlebnisse ("in dieser Form irgendwie schon einmal gesehen"), ferner illusionäre Verkennungen (verfälschte Wahrnehmung wirklicher Gegebenheiten) und Depersonalisationserscheinungen ("ich bin nicht mehr ich", "alles so weit weg, alles so sonderbar und komisch"). Mitunter auch flüchtige Störungen der Zeitwahrnehmung und des Körperbildes. Bei Befall des basalen (unteren) Schläfenlappens kann auch das sexuelle Verhalten enthemmt sein. Schizophrene (z. B. Sinnestäuschungen) und depressive Krankheitszeichen (verstimmbar und ängstlich) finden sich bei Schläfenlappentumoren als Früh- und Erstsymptome öfter als bei allen anderen raumfordernden Prozessen (z. B. depressive Zustände in über der Hälfte der Fälle).

Parietallappentumoren des Scheitelbeins

Parietallappentumoren des Scheitelbeins zeigen nur selten seelische Lokalsymptome, am ehesten schizophrenieähnliche Krankheitszeichen. Bei rechtsseitigem Sitz mitunter Verwirrtheitszustände, inadäquate Gemüts-Reaktionen und depressive Verstimmungen.

Occipitallappentumoren des Hinterhaupts

Occipitallappentumoren des Hinterhaupts führen vor allem zu Gesichtsfeldstörungen, gelegentlich auch zu Sinnestäuschungen im ausgefallenen Gesichtsfeld. Hier kommt es rasch nicht selten zu einem gefährlichen Hirndruck mit Einklemmung der entsprechenden Gehirnstrukturen und damit Gefahr der Bewußtseinstrübung.

Tumoren des Kleinhirns

Kleinhirntumoren zeigen so gut wie keine seelischen Folgen wohl aber eine ganze Reihe verwirrender neurologischer Symptome (Sehen, Sprechen, Stehen und Gehen usw.).

Tumoren des Hirnstamms

Hirnstammtumoren äußern sich oft in Antriebs- und Gemütsstörungen, vor allem in Unruhe und Enthemmung. Gelegentlich schwankt das Bild zwischen Verlangsamung bis zur Apathie und seelisch-körperlicher Erregung. Im weiteren Verlauf drohen Bewußtseinstrübung mit Störung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Denken. Selten auch einmal phobisch-anankastische Bilder (z. B. Zwangsbefürchtungen). Bei Tumoren des 3. Ventrikels (Hirnkammer) können kurzfristig schizophrenie- oder manieartige Symptome vorausgehen.

Tumoren der Stammganglien

Stammganglientumoren äußern sich vor allem in Antriebsmangel, gemütsmäßiger Nivellierung sowie Bewußtseinsveränderungen.

Schlußfolgerung

Die überwiegende Zahl seelischer Störungen geht nicht auf einen raumfordernden Hirnprozeß zurück. Deshalb scheint es nicht besonders wichtig, an eine solche Ursache zu denken. Für die "wenigen" Prozent aber, die hierdurch betroffen sind und durch mangelnde Aufklärung, unzureichende Kenntnis und damit unterlassenes Daran-Denken viel zu spät diagnostiziert und damit ohne den sonst möglichen Erfolg behandelt werden, ist es tragisch. Deshalb kann es nicht schaden, bei den erwähnten seelischen Symptomen und psychosozialen Folgen auch die Möglichkeit einer Raumforderung zu erwägen. Bei den heutigen diagnostischen Möglichkeiten muß hier auch nicht lange in Angst gewartet werden, bis die Diagnose gesichert ist. Danach aber ist zweierlei klar: Entweder gibt es keinen organischen Befund und man kann sich auf die seelischen oder anderen Ursachen konzentrieren oder es gibt einen Tumor, der dann aber auch im Frühstadium und somit erfolgreich operiert werden kann.

GEHIRNSCHÄDIGUNG DURCH SPORTLICHE AKTIVITÄTEN: SEELISCHE, KÖRPERLICHE UND PSYCHOSOZIALE FOLGEN

Gehirnschädigungen durch sportliche Aktivitäten sind meist unfallbedingt. Dann liegen die gleichen Voraussetzungen und Folgen wie bei anderen traumatischen Hirnschädigungen vor. Eine Sonderstellung nehmen jene Sportarten ein, bei denen das mögliche Schädel-Hirn-Trauma ggf zum Kampfablauf gehört. Das ist vor allem der Boxkampf.

Gehirnschädigung durch Boxkampf

Der Faustkampf ist eine der ältesten Sportarten. Auch seine möglichen Folgen sind seit langem bekannt. Der heutige Boxkampf ist schon weitgehend "entschärft": Boxkampfregeln, Boxhandschuhe, Kopfschutz usw. Und trotzdem gibt es immer wieder ernste Konsequenzen, bis hin zum "Tod im Ring". Nachfolgend deshalb eine komprimierte Übersicht:

Fachausdrücke durch boxkampf-bedingte Hirnschädigungen sind beispielsweise Boxer-Enzephalopathie, Encephalopathia pugilistica, Boxer-Syndrom, Boxschäden, posttraumatische Enzephalopathie, Dementia pugilistica, Boxer-Demenz, Boxer-Hirnschaden, posttraumatisches Defekt-Syndrom bei Boxern, "Verhämmerungstrauma", traumatische Demenz, traumatisches Parkinsonsyndrom, engl.: punch drunkness oder punch drunk encephalopathia sowie eine Reihe despektierlicher Jargon-Ausdrücke.

Meist handelt es sich beim umsichtigen, stets gut durchtrainierten und von Überraschungstreffern (happy punch) verschonten Sportlern um ein relativ seltenes, im unglücklichen Falle aber folgenschweres bis tragisches Defekt-Syndrom in Form von chronischen organischen Hirnschäden, in der Regel als Spätfolge der vielen leichteren und noch immer zu vielen mittelschweren Kopftreffer. Möglicherweise ist sogar ein Teil der Sportler genetisch (erblich) dafür besonders anfällig.

Wiederholte Gehirnerschütterungen in längeren Abständen pflegen sich in ihrer Wirkung weniger zu addieren. Anders, wenn die Kopftraumen dicht aufeinanderfolgen, also eine Art Summierung von leichteren Gehirnerschütterungen (Commotio cerebri). Verhängnisvoll ist dabei folgender Ablauf: Nach einem schwereren Kopftreffer lockert sich die vorher angespannte (und damit schützende, weil stabilisierende) Halsmuskulatur. Bei lockerer Halsmuskulatur wird der Kopf aber durch nachfolgende Schläge gleichsam widerstandslos hin- und hergeschleudert, d. h. jeweils erheblichen Beschleunigungen ausgesetzt. Solche wiederholten unterschwelligen Gehirnerschütterungen können sich dann zum sogenannten "Verhämmerungs-Syndrom" verdichten. Die dabei drohenden leichteren Dämmerzustände machen den Sportler "groggy", d. h. er kann die folgenden Attacken seines Gegners nicht mehr entsprechend parieren und ist den weiteren Kopftreffern weitgehend hilflos ausgeliefert.

Auch nach scheinbar gut überstandenen Kämpfen treten nicht selten Funktionsstörungen des Gehirns auf, die z. B. pathologische (krankhafte) EEG-Kurven (elektroenzephalographische Ableitung) nach Boxkämpfen zeigen. Die Symptome sind anfangs noch rückbildungsfähig. Als Folge von k.o.-Schlägen oder schwerer "Verhämmerung" können sich aber auch subakute (nicht sofort auftretende) Dämmerzustände und Amnesien (Erinnerungslosigkeit) ausbilden, die über Tage anhalten. Folgenschwer ist auch nach Kinntreffern die Retroflexion (lat.: Rückbeugung) des plötzlich zurückschleudernden Kopfes mit entsprechender Abscherung bestimmter Gehirnvenen, die dann zu Subduralblutungen (zwischen der äußeren, straffen Hirnhaut und der zarten "Spinnwebenhaut" des Gehirns) führen können.

Die traumatische Enzephalopathie entwickelt sich in der Regel jedoch erst nach einer Reihe von Boxkämpfen mit und ohne Niederschlägen, auf jeden Fall aber vielen Kopftreffern. K.o.-Niederlagen wirken zwar dramatischer, können aber bei rechtzeitigem Eingreifen des Schiedsrichters noch jene Kopftreffer verhindern, die z. B. beim stehenden K.-O. hingenommen werden müssen. Gerade Boxer, die sich mit "bewundernswerten Nehmer-Qualitäten ohne Niederschläge auf den Beinen halten" können, müssen dafür häufig am meisten einstecken.

Die Folgen für das Gehirn sind vielfältig: diffuser Hirnschwund und Degeneration bestimmter Zellverbände in bestimmten Regionen des Gehirns, vorzeitige Gehirngewebsalterung sowie Störungen der Synthese wichtiger biochemischer Bausteine, ferner Gehirnzerstörung durch Stauungen in Arterien und Venen, kleine und große Blutungen bis hin zu Blutergüssen und damit akutem Hirndruck u. a. m.

Beschwerdebild

Zu Beginn verhängnisvoll wenig (Jugend, durchtrainiert, keine Kenntnis der feineren Warn- und Vorzeichen). Mit z. T. erheblicher zeitlicher Verzögerung und damit ständiger Addierung entsprechender Schädigungen, besonders nach langjähriger Box-Karriere, ganz besonders folgenschwer im mittleren Lebensalter ("they never come back", was nicht mehr stimmt und deshalb immer mehr "alte" Boxer verleitet, noch einmal in den Ring zurückzukehren), kommt es dann zu einem traumatischen Parkinson-Syndrom mit neurologischen Krankheitszeichen (Zittern, Sprachstörungen, verlangsamter Gang usw.) und psychischen Konsequenzen (mangelndes Reaktionsvermögen, seelische Verlangsamung, Kritikschwäche, Merk- und Konzentrationsstörungen, Vergeßlichkeit usw.). Einzelheiten s. Parkinson-Syndrom, Demenz und (wegen des Beschwerdebildes, nicht der Ursache!) Alzheimer´sche Krankheit.

Betroffen sind meist Boxer mit langjähriger Karriere, vor allem nach längerer aktiver Laufbahn bis ins mittlere Alter hinein.

Ähnlich, wenngleich weniger intensiv gefährdet sind Jockeys, Eishockeyspieler und Fußballspieler mit einer Vorliebe für das Kopfballspiel. Die Gefährdung besteht - wie bei allen vergleichbaren Sportarten - vor allem in der großen Geschwindigkeit entsprechender Sportübungen, die sich besonders auf Kopf- und Halsverletzungen erstrecken, von ungezielten Zusammenstößen ganz zu schweigen.

Der Verlauf ist in der Regel fortschreitend, bis zur deutlichen Absenkung des seelischen und psychosozialen Niveaus, wenn nicht gar zur sozialen Abstieg. In leichteren Fällen erträglichere Konsequenzen, die sich dann aber mit den seelischen, psychosozialen und körperlichen Folgen des Rückbildungsalters unerbittlich zu addieren pflegen.

Therapie

Die mit Abstand am wichtigste Therapie einer Gehirnschädigung durch sportliche Aktivitäten ist rechtzeitige Aufkärung der Aktiven und konsequente Verhinderung entsprechender Schädigungen. Vor allem aber das rechtzeitige Beenden der sportlichen Karriere, bevor man für die restlichen zwei Drittel seines Lebens dafür bitter bezahlen muß. Zur Therapie siehe das Kapitel Gehirn-Trauma.

Weiterführende Literatur

Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und Fachbücher sowie auch eine Reihe allgemeinverständlicher Artikel und Sachbücher. Grundlage vorliegender Ausführungen:

K.-H. Hagel, J.-H. Krauss: Die psychischen und psychosozialen Folgen traumatischer Hirnschäden. Aus: V. Faust (Hrsg.): Psychiatrie. Ein Lehrbuch für Klinik, Praxis und Beratung. Gustav-Fischer-Verlag, Stuttgart-Jena-New York 1996

Bei allen Ausführungen handelt es sich um allgemeine Hinweise.
Bei persönlichen Anliegen fragen Sie bitte Ihren Arzt.
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